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El Bastardo
El Bastardo

Patagonien 2008. Es war eine besondere Saison, das Wetter eine Sensation! Stephan Siegrist, Alexander und ich hatten auch dieses mal wieder das große Ziel vor Augen, die Überschreitung der Cerro-Torre-Gruppe. Allerdings waren wir nicht alleine mit dieser Idee. Rolando Garibotti, ein Argentinier, der mittlerweile in Amerika lebt, hatte ebenfalls das Bestreben, als Erster diese Herausforderung zu verwirklichen.

Als wir am 13. Januar in El Chaltén ankommen, hören wir von allen Seiten, dass Rolando nach seinem Beinahe-Erfolg im November nun schon seit über zwei Monaten fieberhaft auf seine nächste Chance wartet. Und jetzt die Frage: Wer wird der Erste sein?

Im Februar 2005 war ich mit dem Schweizer Andi Schnarf schon weit gekommen und wir realisierten erstmals die Überschreitung von Cerro Standhardt und Torre Egger. Und jetzt, im vergangenen November, kamen gleich zwei Teams noch einen Schritt weiter. Der Italiener Ermanno Salvaterra mit seinem Team sowie auch Garibotti zusammen mit dem Amerikaner Hans Johnston - sie erreichten nach dem Torre Egger auch noch das Col de Conquesta. In der Nordwand des Cerro Torre, die sowohl Salvaterra als auch Garibotti von der gemeinsamen Erstbegehung im November 2005 kannten, wurden sie jedoch gestoppt - wieder einmal aufgrund der widrigen Bedingungen in der Wand.

Als wir jetzt Mitte Januar in Patagonien ankommen, war das Wetter seit gut acht Wochen fast durchgehend "patagonisch". Die Berge der Cerro-Torre-Gruppe waren dadurch komplett vereist, die Verhältnisse dementsprechend schlecht. Nicht so das Wetter, das jetzt gleich mal für unglaubliche drei Tage gut werden soll! Genau das Zeitfenster, das wir zur Überschreitung brauchen. Das einzige Problem: Die Temperaturen, mit einer Nullgradgrenze, die selbst nachts nicht mehr unter 3000 Meter sinken soll. Das bedeutet in diesen Tagen an den vereisten Torres eine extrem hohe Eisschlaggefahr - Bedingungen, unter denen wir die Überschreitung garantiert nicht versuchen werden... Was aber nicht heißen soll, dass wir diese drei Tage Schönwetter ungenutzt verstreichen lassen! Im Gegensatz zu den Torres, stehen die Berge der Fitz-Roy-Gruppe erst in der zweiten Reihe - die vom Pazifik übers Inlandeis kommenenden Winde entladen ihre Feuchtigkeit in der Hauptsache an der ersten großen Barriere, den Torres. Das dahinterliegende Massiv des Fitz Roy bekommt somit nur noch einen Bruchteil der Schnee- und Eismengen ab. Deswegen bilden sich hier auch nicht die riesigen Eispilze und der berüchtigte Anraum - das lose Eis, das das Klettern an den Torres so gefährlich macht. Und tatsächlich finden wir in der Fitz-Roy-Gruppe sogar noch ein ideales Ziel: die undurchstiegene Westwand der "Silla".

Alexander hatte diese Wand bereits ein Jahr zuvor mit dem Osttiroler Mario Walder versucht, doch damals mussten sie sich wegen des spartanisch zusammengestellten Materials ihr ursprünglich gewähltes Ziel aufgeben und sie wählten mit ihrer Erstbegehung "Puerta Blanca" eine wesentlich leichtere Linie zum benachbarten Gipfel, der "Desmochada". Doch dieses Mal wissen wir, in welchem Umfang diese technisch schwierige und steile Westwand der "Silla" Material braucht. Ein doppelter Satz Camalots bis hinauf zur Größe 5 - das wiegt, aber dieses Mal verteilt sich das Gewicht, denn wir sind zu viert: Neben Alexander, Stephan und mir ist es wieder Mario Walder, der sich auch in diesem Jahr die Erstbegehung dieser Wand vorgenommen hat.

Das Wetter ist perfekt und wir starten durch. Am ersten Tag durchsteigen wir den unteren Teil der Wand bis hinauf zum Beginn der 600 Meter hohen, monolithischen Headwall, an deren Fuß wir die Nacht verbringen. Am nächsten Morgen geht es hinein in die steile Welt der Headwall, deren Kletterei in erster Linie von großen Verschneidungen und den gefürchteten weiten Rissen (Offwidth…) charakterisiert wird. Nach insgesamt zwölf meist sehr langen Seillängen in bestem Granit erreichen wir den markanten Doppelgipfel der "Silla". Ein bergsteigerisches Geschenk!

Zwei Tage später dann, in El Chaltén, kommt die Nachricht, auf die zu diesem Zeitpunkt alle warten: Garibotti und Haley haben es geschafft! Sie waren in den Tagen der Überschreitung ein hohes Risiko eingegangen, hatten alles gegeben, sind gut geklettert: Vier Tage Kampf, aber geschafft und das zählt. Sie haben sich diesen Erfolg verdient!

Wir wiederum geben unserer Erstbegehung den Namen "El Bastardo". Was aber in keiner Weise ein Seitenhieb auf Garibotti und Haley sein soll! Vielmehr ist der Namenspate unser Mario, den einst der Pfarrer nicht taufen wollte, weil er ein uneheliches Kind war…

Doch auch für uns scheint es noch nicht vorbei zu sein, denn nur wenige Tage später kündigt sich erneut ein Schönwetterfenster an! Noch einmal ganze vier Tage ohne Wind und Niederschlag - nur mit dem Makel, dass es noch wärmer werden sollte! Wieder entscheiden wir uns gegen einen Versuch, zu gefährlich ist es an den Torres. Dafür motivieren wir uns damit, die Fitz- Roy-Kette zu überschreiten. Doch das Glück ist nicht auf unserer Seite, denn sehr früh wird unser Vorhaben von Steinschlag gestoppt, der unsere Seile abschlägt. Immerhin reichte es für die "Aguja de la S" und die "Aguja Saint Exupery" und als Fleißaufgabe holen sich Alexander und Stephan noch die Gipfel vom "Mocho" und der "Aguja Rafael Juarez". Ich geh ins Tal, nachdem ein Granitblock meinen kleinen Finger quetschte, hatte die Nase voll.

Das vier Tage andauernde Schönwetter verwandelt die Berge… In diesen Tagen gleichen die Torres einem einzigen Wasserfall. In großem Stil lösen sich die Eismassen vom Berg, brechen riesige Eisschollen von den Gipfelpilzen heraus. Unsere Osttiroler Freunde Mario Walder und Peter "Luna" Ortner brechen an der eigentlich verhältnismäßig sicheren Kompressorroute ab, nachdem direkt über ihnen ein Eispilz kollabierte, sie von Eismassen verschüttet wurden und von Glück sprechen konnten, dass sie das ganze mit nur leichten Blessuren überlebten.

Wieder zurück in El Chaltén kam das, was keiner von uns glauben wollte. Ein weiteres Mal sollte sich nach nur kurzer Unterbrechung schönes Wetter einstellen: Bis zu vier Tage lang, wesentlich kühler. Das könnte passen! Allerdings, so warnte uns Karl Gabl vom Meteorologischen Institut aus Innsbruck, zeigen die Prognosen dieses Mal gerade an den ersten beiden Tagen des Fensters einen deutlichen Blasius an: 50 bis 70 kmh auf 3000 Meter. Und unser Meteorologe sollte recht behalten. Der Himmel ist blau, es ist kalt, die Bedingungen sind perfekt - aber es geht nicht. Der Wind ist zu stark. Wir müssen warten, wissen aber insgeheim schon, dass es nichts mehr wird mit der Überschreitung.

Am dritten Tag lässt der Wind dann tatsächlich nach, die nächsten 30 Stunden sollen gut sein - die letzte Chance für die letzten Ziele. Alexander und Stephan holen sich mit einer Begehung der "Titanic" den Torre Egger während ich zusammen mit Luna und Mario die "Festerville" am Cerro Standhardt klettere und das gesamte deponierte Material vom Col holte. Dieses Mal wären die Bedingungen perfekt und das Risiko vertretbar gewesen - doch 30 Stunden waren für die Überschreitung nicht genug.

Und dieses Mal soll es dann auch wirklich gewesen sein, mit Patagonien und dem guten Wetter. Die Großwetterlage für den Monat Februar laut Karl Gabl: " patagonisch". Was das heißt, brauch´ ich nicht erklären. Ab nach hause...

Ich bin wieder daheim, glücklich bei meiner Familie. Es war eine geile Zeit. Viele wunderbare Gipfel und was viele wissen wollen: Nein, ich bin bzw. wir sind nicht traurig, weil uns ein anderer zuvorgekommen ist. Denn wir haben keine Chance versäumt. Unser Gefühl und unsere Erfahrung im Umgang mit Risiko haben uns in dieser Saison trotz des vielen schönen Wetters nicht auch nur einmal ein grünes Licht für die Überschreitung der Torres gegeben. Garibotti und Haley wiederum haben das Risiko auf sich genommen, haben mit einem sehr hohen Einsatz gespielt und somit es verdient, die Ersten zu sein.